Schönheitschirurgie: Schön um jeden Preis?
Immer mehr Deutsche legen sich unters Messer, um auszusehen wie Venus oder Adonis. Danach leiden viele zwar nicht mehr unter ihrem Aussehen, aber nicht selten unter den Folgen des Eingriffs.
Margit hat sich einen langen gehegten Traum erfüllt. Seut dreu Wochen hat sie einen neuen Busen. Dafür musste sie 5500 Euro hinblättern, dich die 42-Jährige Musikerin ist überzeugt, dass sich die Investition in die eigene Schönheit gelohnt hat: ,,Am Samstag bin ich zum ersten Mal mit tiefm Dekolleté ausgegangen. Das war ein tolles Gefühl. Jetzt komme ich mir vor wie Venus."
Aussehen wie Venus oder Adonis- wer würde das nicht gerne. Immer mehr Frauen und Männer legen sich dafür unters Messer. Schönheit gilz im öffentlichen Bewusstsein zunehmen als machbar. Diskotheken verloren Brustvergrößerungsoperationen und immer jüngere Mädchen lassen sich Implantate einsetzen, um ihren Vorbildern Pamela Anderson oder Lara Croft nachzueifern.
Auch vor Männern macht der Schönheitsboom nicht Halt. Nach einer Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Asthetische Chirugie ist hierzulange jeder fünfte Patient beim Schönheitschirugen männlich- Tendenz steigend. Ganz oben in der Beliebheitsskala rangiert das Fettabsaugen, gefolgt von der Brustoperation und der Nasenkorrektur. Facelift- das Liften des Gesichts- und Laserbehandlungen holen auf.
Hohe Kosten, hohes Risiko-
Dabei sind die Kosten, die in den meisten Fällen selbset getragen werden müssen, alles andere als geringfügig und die gesundheitlichen Risiken sind erheblich. ,,Das Risiko steigt, wenn man zum falschen Arzt geht", warnt Privatdozent Dr. Frank-WErner Peter, der leitende Plastische Chirug des Berliner Zentrums für Plastisch-Ästhetische Lasermedizin. Denn es sind länger nicht nur Spezialisten am Werk. Schönheitchirurg, kosmetischer oder ästhetischer Chirurg kann sich jeder Arzt nennen. Es gibt keine geschützte Berufsbezeichnun. Nur plastische Chirurgen haben eine Ausbildung, in der auch kosmetische Eingriffe gelerht werden.
,,Es ist ein Riesenproblem, dass jeder approbierte Arzt befugt ist, diese Operationen durchzuführen", sagt Dr. Friedrich von Hesler, leitender Arzt für plastische Chirurgie an der Schlosspark-Klinik Berlin. Doch selbst ein Facharzt kann Komplikationen nicht ausschließen, hängen sie doch immer auch von der individuellen Veranlagung des Patienten ab. Bei dem einen heilt die Narbe fast unsichtbar, beim Nächsten entzündet sie sich und wird zur Wulstnarbe.
Margit hat Glück. Von ihren Narben ist drei Wochen später nach der Operation kaum noch etwas zu sehen. Als KK-Anhängerin legt sie besonderen Wert darauf, dass der Schnitt zur Einführung der Kunststoffpolster möglichst unauffällig ist. Statt seitlich unter den Achseln oder in der Brustumschlagfalte unter den Brüsten schneider der plastische Chirurg auf ihren Wunsch rund um die Brustwarzen. Angst hatte Margit davor, dass die Empfindungsfähigkeit der Brustwarzen verloren geht oder das Gewebe abstirbt. Bei einem geschickten Chirurgen ist diese Gefahr gering. Margit ist ihr entonnen, nicht zuletzt durch ihre sorgfällige Wahl des Arztes. Ob Frau mit ihrem neuen Busen alt werden kann, wird sich jedoch frühstens in einem halben Jahr herausstellen. Erst dann ist klar, ob sich eine Kapselfibrose entwickelt. Dabei verhärtet sich das Bindewebe in Reaktion auf den Fremdkörper extrem und zieht sich schmerzhaft zsuammen. Dann müssen die Implantate entwernt werden. ,,Wenn die Dinger wieder rausmüssen,betrachte ich das als Wink, dass es nicht sein soll", sagt Magrit.
Traumbusen und Albtraum
Nach ausführlichen Beratungsgesprächen beginnt die Operationsvorbereitung. Bor jeder Brustoperation ist eine Mammografie angesagt. Der Anästhesist erkundigt sich außerdem nach Allergien und Gesundheitszustand, wie es auch bei mefizinisch erforderlichen Operationen geschieht. Dann zeigt der Arzt die Schnittführung oder zeichnet sie auf dem Körper an. Die Operation selbst dauert durchschnittlich ein bis zwei Stunden. Danach wird ein Stützvervband angebracht, um das Verruschen der Implantate zu verhinidern. NAch zwei Tagen kann dieser Verband gegen ein festen BH ausgetauscht werden, der für die nächsten vier Wochen Tag und Nacht getragen werden soll.
Einige Tage Klinikaufenthalt sind meist erforderlich, bis die Drainageschläuche entfernt werden, die die Wunderflüssigkeit abtransportieren. Schwellung und Blutergüsse treten zwangsläufig auf. Wie bei jeder Operation besteht die Gefahr von Nachblutungen, Wunderinfektionen oder verzörgerte Heilung. Erst drei Wochen nach der Operation sollte die Arbeit wieder aufgenommen werden. Margit hat sich für diese Zeit Urlaub genommen.
Kein Implantat in bestrahltes Gewebe
Eine test-Lesierinhatte nicht so viel Glück. Nach einer Berustkrebsoperation hat sich die 52-jährige Lehrerin zu einem Wiederaufbau der Brust entschlossen und ist dabei an den falschen Arzt geraten. Gleich nach der Amputation wurde beideseitig Expanderkissen eigelegt, um die Haut zu dehnen. Etwa ein Dreivirteljahr lang werden diese Kissen nach und nach mit Kochsalzläsung aufgefüllt. Dann ruhen sie nochmals ein halbes Jahr, bevor die endgültigen Implantate eingesetzt werden- normalerweise.
Unsere Leserin hatte bei Dehnen schon extreme Schmerzen. Das Gewebe war aufgrund der Nachbestrahlung nichts besonders elastisch. Als der Arzt nach selbs Monaten ihren Verdacht bestätigte, eines der Kissen sei ausgelaufen, nahm er sofort den Austausch vor. Er setzte zwei Sikikonkissen mit rauer Oberfläche ein. Der plastische Chirurg Frank-Werner Peter kritisiert diese MEthode des Brustaufbaus als ,,eine klare Fehbehandlung. Es mussten Komplikationen auftreten".
Die Schmerzen ließen nicht nach: ,,Es wurde immer härter, immer fester, aber die Ärzte bestanden darauf, dass das normal wäre". Ein halbes Jahr später suchte die verzweifelte Frau einen plastischen Chirurgen auf: ,,Der hat die apselfibrose auf den ersten Blick erkannte und gesagt, dass man in berstrahltes Gewebe kein Implantat einsetzen dAarf." Der plastische Chirurg Friedrich von Hesler bestätiogt diese Aussage: ,,Das eindache Implantat geht mit hoher Wahrscheinlichkeitmit einer Kapselfibroseeinher, wenn das Gewebe durch Bestrahlung vorgeschädigt ist. Mann muss sehr häufig aufwändigere Verfahren anwenden, um einen Wiederaufbrau erfolgreich durchzuführen." Infrage kommt die Transplantation von Fett- oder Muskelgewebe aus dem Rücken oder dem Bauch.
In einer Umfrage äußerten mehr als 90 % der Befragten Verständnis für Menschen wie unsere Leserin, die nach Unfall oder Krankheit eine Schönheitsoperation durchführen lassen. Nur 19% aber erkennen an, dass jemand dieses Risiko auf sich nimmt, weil er fürchtet, keinen Partner zu finden. Unsere Leserin findet es nach ihren Erfahrungen ,,hirnrissig, dass manche Leute das freiwillig machen lassen, nur um ein bissen besser auszusehen". Der plastische Chirurg Frank-Werner Peter kennt aber auch zufriedene Patienten: ,,Viele sind nach ihrem ästhetischen Eingriff glücklich und entwickeln ein ganz neues Lebensegffühl."
Pinocchio, Zwerg Nase & Co.
In den USA gibt es zum Highschoolabschluss ein Geschenk erster Güte: Die Nasenkerrektur soll den Silikonbusen vom vorderen Platz verdrängt haben. Was oft als kleiner Eingriff gilt, bringt enorme Risiken bei einem schwer borhersagbaren kosmetischen Ergebnis. Auch nach dem Eingriff sind Unregelmäßigkeiten oder Asymmetrien nicht ausgeschlossen und in bis zu 20 % der Fälle muss nachkorregiert werden. Dann kommt der Operateur nicht mehr ohne größere Schnitte aus. Operationen an der Nasenscheidewand bergen zudem das Risiko, dass sich ein lock bildet. Das kann Trockenheit der Nase, gehäuftes Nasenbluten oder ein lautes Atemgeräusch zur folge haben.
Durch die Harben im Naseninneren oder einen Nasenflügelkolaps, der entsteht, wenn zu viel Knorpel entfernt wurde, können dauerhafte Atemschwierigkeiten zurückbleiben. Ständiges Augentränen ist die Folge eines verletzten Tränenkanals, der bei Operationen an der Knochenkorrektur in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Der standartdisierte Patientenaufklärungsbogen warnt außerdem von Narbenwucherungen.
,,Man muss die Nase immer im Gesamtkontext des Gesichts sehen", sagt Profressor Dr. Jürgen Bier, plastischer Chirurg und Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Berliner Virchow-Klinikums. der gesamte Gesichtsausdruck kann ein anderer werden, wenn der Gesichtsmittelpunkt verändert ist. Umso wichtiger ist die Beratung, so Frank-Werner Peter: ,,Es gilt, eine typgerechte Veränderung anzusterben. Unrealistische oder unpassende Vorstellung müssen dem Patienten ausgeredet werden."
Angst vor Entstellung
Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass Schönheitsoperationen dann angebracht sind, wenn ein zu großer Leidensdruck besteht. Aber wann ist der Leidendruck zu groß? Den Beobachtungn der Schonheitschirurgen zufolge gehört der Großteil der Klientel ohnehin zur hübscheren Hälfte der Bevölkerung. Nur selten handelt es sich wirklich um eine Einstellung.
Der seriöse Praktiker wird hellhötig, wenn Leute anfragen, die objektiv keinen Makel aufweisen. Dann der Schönheitswahn hat bereits eine psychische Krankheit hervorgebracht: die körperdysmorphe Störung. Die Betroffenen fühlen sich entstellt, obwohl sie gut seheehen. Ehrfahrene Schönheitschirurgen filtern solche Patienten mit gezielten Fragen aus. Doch die Orientierung an herrschenden Schönheitsdealen kann einen enormen psychischen Druck bewirken.Dabei sich die Ideale einen steten Wandel unterworfen. Möglicherweise wird sich manche künstlich Vollbusige ärgern, wenn in einigen Jahren wieder knabenhafte Figuren nach dem Vorbild von Twiggy aus den 60er-Jahren angesagt sind.
Rettungsringe und Reiterhosen
Der geschlechterübergreifende Siegeszug des Fettabsaugens wird allerdings nicht zu bremsen sein. Denn ein Comeback der barocken Idealmaße, wie sie auf den Bildern von rubens zu finden sind, ist nicht zu sehen. Das Fettabsaugen ist keine Alternative zu einer Diät, denn das Normalsgewicht sollte bereits vor dem Eingriff bestehen. Es gibt jedoch hormonell bedingte Fettablagerungen, denen mit Diäten und Sport kaum kaum beizukommen ist. Bei Männern bilden sich dann meist Rettungsringe aus, bei Frauen eher Reiterhosen. Die plastische Chirurgie kennt heute verschiene Verfahren zur Fettabsaugung. Am häuftigsten wird das Tumeszenzanästhesieverfahren angewandt. Nur kleine Schritte sind erforderlich, um die Spitzen mit den Augkanülen in das Unterhautgewebe einzuführen.
Dennoch bringt dieser Eingriff hohe Risiken, auch wenn sie sehr selten auftreten. Nerven, Muskeln oder auch größere Blutgefäße können verletzt werden. In einem von 1000 Fällen treten Thrombosen auf. Vereinzelt kann es zu Lungenembolien und Schockreaktionen kommen -beides ist lebensgefährlich.
Lokale Infektionen mit Zystenbildung, bleibende Gewebeverhärtungen, Hautverfärbungen, Fettembolien, allergische Reaktionen und ausgeprägte Dellenbildung hängen in ihrer Häuftigkeit stark vom Können des Operateurs ab. Normale Begleiterscheinungen sind Schwellungen, Blutergüsse und Taubheitsgefühle der Haut, der in der Regel bald nach dem Eingriff abklingen.
Gesundheit oder Schönheit
Angesichts dieser Risiken stellt sich die Frage: Gesundheit oder Schönheit? ,,Wer gut aussieht, hat mehr Chancen im Leben", nicht nur privat, sondern auch beruflich. Das meinen immerhin knapp 90 % der Frauen in einer Umfrage der Zeitschrift ,,Brigitte". Ein Viertel der Befragten könnte sich sogar vorstellen, sich dafür unters Messer zu legen. ,,Ich finde den Körperkult in unserer Gesellschaft völlig übertrieben", sagt dagegen die Hälfte der Befragten in einer repräsantativen Umfrage des Allensbach-Instituts im Auftrag der Körber-Stiftung. Unsere Leserin mit Wideraufbauimplantaten nach Brustkrebs hat für sich entschieden, ,,dass eigentlich nur Gesundheit wichtig ist."